Sprache als Türöffner in den Wirtschaftsbeziehungen zu Zentral-Osteuropa

Tonka Semmler-Matošić
Tonka Semmler-Matošić

Für eine kleine und offene Volkswirtschaft, wie die österreichische, sind die wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Ausland von besonderer Bedeutung.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 eröffneten sich für viele Unternehmen insbesondere in Ostösterreich gewaltige Chancen. Um diese Chancen gut nützen zu können, startete 1994 der erste österreichische Fachhochschulstudiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen in Eisenstadt mit der Ausbildung von Nachwuchsführungskräften für die Region Zentral – Osteuropa mit dem Ziel, Betriebswirte für die internationale Tätigkeit vorzubereiten und neben der wirtschaftlichen Ausbildung insbesondere Kompetenzen in Sprache und Kultur der Region Zentral-Osteuropas zu vermitteln.

Auch wenn der Arbeitsmarkt Absolvent*innen dieses Studienganges besonders gut aufnimmt und viele Karriereverläufe den Erfolg der Ausbildung bestätigen, wie wird das in Zukunft sein? Ist der Bedarf nach Nachwuchsführungskräften mit speziellen Kenntnissen zu Zentral-Osteuropa heute noch gegeben? Wie wichtig sind überhaupt noch Kenntnisse der Sprache und Kultur, wenn „eh alles auf Englisch“ verhandelt wird? Wenn es digitale Simultanübersetzer für Fremdsprachen gibt, die mittels App eingesetzt werden können? Ist daher das Erlernen einer zentral-osteuropäischen Sprache noch relevant für Geschäftsbeziehungen in die CEE-Region?

Auch wenn pandemiebedingt Geschäftsreisen eingeschränkt sind, so können wir davon ausgehen, dass auch in Zukunft weiterhin Geschäftsreisen stattfinden werden. Zur Geschäftsanbahnung auf Fachmessen im Ausland z.B. wird etwa die physische Präsenz vor Ort von Vorteil sein. Hierbei ist es äußerst hilfreich, wenn man Grundkenntnisse der Sprache und Schrift mitbringt, um sich im Gastland zurecht zu finden. Jeder, der einmal in ein Land gereist ist, dessen Sprache er gar nicht kennt und dessen Schrift er nicht entziffern kann, wird verstehen, wovon die Rede ist.

Prof.(FH) Mag. Dr. Tonka Semmler-Matošić , Studiengangsleiterin des Bachelorstudiengangs Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Nicht immer ist das Reiseziel eine Weltmetropole, wo man Englischkenntnisse erwarten kann. Wer z.B. in Moskau unterwegs ist, ohne die kyrillische Schrift lesen zu können, kann nicht einmal ein simples Stop-Schild im Straßenverkehr entziffern („СТОП“ auf kyrillisch).

Gehen wir aber noch einen Schritt weiter: mit dem Erlernen einer Sprache sind ganz eng kulturelle Aspekte verbunden – Traditionen und Wertvorstellungen, die auch ein wenig anders sind, als wir sie von zu Hause kennen. Sensibilisierung für die Begegnungen mit Menschen anderer Länder und Kulturen ist ein wichtiges Ausbildungsziel – dies ist jedoch schwer im Seminarraum zu vermitteln – am besten gelingt dies durch Erwerb persönlicher Erfahrungen im Rahmen von realen interkulturellen Begegnungen im Gastland, z.B. während eines Sommerkollegs oder auch eines Berufspraktikums in Zentral-Osteuropa.

Interkulturelle Kommunikation gelingt besser, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet – Begrüßung und Smalltalk in der Sprache des Gastes vermittelt Respekt und Wertschätzung, was sich jedenfalls positiv auf den weiteren Verlauf von Geschäftsabwicklungen auswirken kann. 

Tonka Semmler-Matošić , Studiengangsleiterin

Die Kultur des jeweils anderen zu kennen, schafft Nähe und bewahrt davor, grobe Fehler in der Kommunikation zu begehen und vermeidet Missverständnisse – ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor für das Erreichen von Projektzielen.

Denn, die Abwicklung von internationalen Projekten durch interkulturelle Projektteams ist nach wie vor lebende Realität in vielen Firmen.

Prof.(FH) Mag. Dr. Tonka Semmler-Matošić leitet den Bachelorstudiengangs Internationale Wirtschaftsbeziehungen, den ältesten und größten Studiengang der FH Burgenland. Der Beitrag enstand als Gastbeitrag für die Wiener Zeitung im Winter 2021/22


# Gepostet in:
Besondere Stories, Lehrende, Bachelorstudiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen